Sonntag, 15. März 2015

Adam Angst /// Review #9

Adam Angst - erst 2014 gegründet, brachte die Band von Frontmann Felix Schönfuß schon in diesem Februar ihr gleichnamiges Debütalbum heraus. Die Platte ist eine echte Ansage, jeder der elf Songs rüttelt auf und als Hörer sitzt man da und denkt sich die ganze Zeit über 'Endlich spricht es mal jemand aus, danke!'. Genre: Punkrock? Nicht ganz. "Das einige, was daran Punk ist, ist die Message", sagte Felix in einem Interview mit dem Online-Musikmagazin GETADDICTED. Großartig ist vor allem wie "Adam Angst" ganz ohne platte Parolen auskommt und dabei mit sehr intelligenten und präzisen Texten auf den Punkt bringt, was der Band in Deutschland gegen den Strich geht.

"Adam Angst" in der ausführlichen Review



Mutig von Adam Angst mit "Jesus Christus" (Track 1) einen Opener zu bringen, der alle empfindlichen Leute direkt vergraulen dürfte. Da weiß der Hörer sofort Bescheid: Friede, Freude, Eierkuchen kann er sich woanders suchen. Ein Song aus der Sicht von Jesus, der auf die Erde zurückkommt und eigentlich im Auftrag seines Vaters auf Rachefeldzug ist, denn er hat "die Schnauze voll und Bock auf Gewalt". Doch die Menschen feiern seine Rückkehr, wollen Selfies, geben ihm eine eigene Show auf ProSieben und Jesus freut sich über seine acht Millionen YouTube-Klicks so sehr, dass er gar nicht mehr zurück in den Himmel will.



In "Ja Ja, ich weiß" (Track 2) beschreiben Adam Angst die typischen nervigen Vorwürfe, die sich Pärchen im Alltag gegenseitig an den Kopf knallen. Die große Frage: Wieso zum Teufel bleiben Leute zusammen, wenn die Beziehung doch eigentlich die Hölle ist? "Professoren" (Track 3) entlarvt das bürgerliche Vorurteilsdenken bezüglich Ausländern als das, was es eigentlich ist und leider nie jemand so direkt zugeben und beim Namen nennen möchte: Rassismus und schlichte Nazi-Attitüde. "Wunderbar" (Track 4) kritisiert die Blindheit der Gesellschaft, das typische leere "Wie geht's"-Gefrage, ohne es wirklich wissen zu wollen. Die Textzeilen "Wir glauben nur das, was wir sehen. Doch wir sehen nur das, was wir wollen" bringen es auf den Punkt.



Sensationell dann "Lauft um euer Leben" (Track 5). Dich regt das Dumm-TV ebenfalls tierisch auf und du findest es völlig verrückt, dass täglich unzählige Stunden an Müll für die deutschen Sender produziert werden und es tatsächlich irgendwelche sehr seltsamen Menschen gibt, die sich den ganzen Schwachsinn reinziehen? You're welcome. Dann wird der Song für dich zur großen Hymne, denn er bietet allerfeinste Medienschelte. Kurzer Einblick gefällig? "Mit der Kamera im Anschlag stellen sie euch an die Wand. Es macht Cut, Cut, Cut, denn neue Versager braucht das Land. Der Makel anderer Menschen war schon immer amüsant." Danke, Adam Angst, einfach nur großartig.

Weiter geht's mit "Was der Teufel sagt" (Track 6) darum, dass man leider in unangenehmen Situationen aus Anstand selten einfach das macht und sagt, was man möchte und lieber das Engelchen den Kampf gegen das Teufelchen gewinnen lässt. In "Am Ende geht es immer nur um Geld" (Track 7) wird thematisiert, was leider nur allzu vielen Menschen bekannt sein dürfte: Im Geldbeutel herrscht bereits Ebbe und es ist noch viel zu viel Monat übrig. "Wochenende. Saufen. Geil." (Track 8) beschreibt die aussichtslosen Versuche der Teilzeit-Feierwütigen unbedingt ihre Wochenenden als Erfolge verbuchen zu können.



Man wünscht sich, dass jeder Mitbürger einmal "Splitter von Granaten" (Track 9) zu hören bekommt. Eine Verpflichtung aller Radiosender diesen Song zu spielen, wäre schön. Oder eine Aufnahme in die Lehrpläne aller Schulen. Nun gut, unrealistisch, ich weiß. Mit sehr wahren Worten wird die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber wirklich wichtigen und uns alle angehenden aktuellen Themen angeprangert. Es geht um die Tatsache, dass viel zu viele Menschen ihre Augen vor allem verschließen, was sie nicht offensichtlich betrifft, obwohl es sie doch gerade offensichtlich betrifft und dass die Leute heutzutage wieder so unfassbar unmündig sind und sich von unüberprüften Aussagen von Politikern ganz easy abspeisen lassen. Immanuel Kant hätte der Song sicherlich auch gefallen. Anschließend folgt mit "Flieh von hier" (Track 10) ein Lied über das Ausreißen-Wollen.



"Altar" (Track 11) ist einfach total gut gemacht. Die ersten 1,5 Minuten verwundern einen zunächst doch sehr, da sie wie eine schnulzige Pop-Liebesnummer daherkommen. Durch Süßfaslerei kommt der Protagonist zum One-Night-Stand, um am nächsten Morgen sein wahres Ich zu zeigen: "Ja, ich zeig dir, wer ich wirklich bin. Ich schmeiß dir morgens 20 Euro für ein Taxi hin. Du kannst meinetwegen duschen, dir 'nen Kaffee nehmen. Doch den gibt es nur to go, jetzt verpiss dich aus meinem Leben." Die Wandlung spiegelt sich sowohl textlich als auch musikalisch und lässt den Hörer mit einem Schmunzeln zurück, wenn er sich dabei ertappt, wie er bei Songbeginn auf's Glatteis geführt wurde.

Keine Frage: "Adam Angst" ist ein sehr spezielles Album und man muss sich die 39-minütige Wuttirade der Band geben wollen. Gute Laune kriegt man dadurch in erster Linie sicherlich nicht. Aber es entsteht doch das sehr gute Gefühl zu hören, dass es da Leute gibt, die all die Sachen mal direkt ansprechen, die einem selber ebenfalls tierisch auf den Keks gehen. Eine Platte ohne Blabla, dafür mit sehr viel Message. Leider ist das heutzutage viel zu selten. Das Debütalbum ist damit schon jetzt eines der Highlights des Jahres, das ich jedem (und einigen Menschen ganz besonders, obwohl aussichtslos) empfehlen möchte.
Vier weitere, ungeschönte Meinungen findet ihr übrigens bei den Leuten von Lieblingstape (zum Artikel).

Kaufempfehlungen:
Definitiv "Lauft um euer Leben" und "Splitter von Granaten". An sich aber das komplette Album, welches ihr hier digital oder auch als CD auf Amazon bekommt.

Momentan sind Adam Angst übrigens auch auf Tour. Alle Infos findet ihr hier.




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